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Diwan-i Schams · G1 · 10 Verse

غزل شمارهٔ ۱

Dieses Gedicht ist eine ekstatische Anrufung des göttlichen Geliebten, dessen plötzliches Erscheinen die Welt verwandelt. Er ist die Quelle und das Ziel aller Sehnsucht, der die Gefängnisse der Existenz aufschließt und alle Gegensätze in sich vereint. Der Ghazal gipfelt in einem Aufruf, weltliche Sorgen und intellektuelle Bestrebungen aufzugeben und sich der unmittelbaren, berauschenden Gegenwart des Geliebten hinzugeben.

Dieser Ghazal entfaltet sich als eine direkte, jubelnde Anrede an eine göttliche Präsenz, die als „plötzliche Auferstehung“ und grenzenlose Barmherzigkeit erscheint (beyt 1). Diese Ankunft ist ein befreiender Akt, der Schlüssel zum Gefängnis, der den Bedürftigen wie Gottes Gnade zuteilwird (beyt 2). Der Geliebte wird als die absolute Realität dargestellt, die sowohl das Verlangen als auch das Verlangte, Anfang und Ende ist (beyt 3), und der sowohl das Bedürfnis im Herzen weckt als auch es selbst erfüllt (beyt 4). Der Dichter stellt diese authentische spirituelle Erfahrung – die „Freude an Wissen und Handeln“ – den Täuschungen der Welt gegenüber, die nur Vorwände sind (beyt 5). Durch diese Täuschungen, so der Dichter, werden die Menschen fehlgeleitet und verstricken sich in Konflikte um vergängliche Ziele, sei es die fromme Hoffnung auf Paradiesjungfrauen oder der Kampf um das tägliche Brot (beyt 6-7). Der Geliebte wird als der verborgene Regisseur des Welttheaters beschrieben, der unsichtbar Konflikte inszeniert (beyt 8). Die innere Stimme fleht um Befreiung von diesem Spiel (beyt 9), bis im letzten Vers der Ruf des „Weinschenks“ (Sāqī) ertönt, der den Dichter auffordert, das Schreiben aufzugeben und sich dem Fest der Gegenwart anzuschließen (beyt 10).

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  1. G1:1 اِی رَستخیزِ ناگهان وی رحمتِ بی‌مُنتهااِی آتشی اَفروخته، در بیشهٔ اَندیشه‌ها O plötzliche Auferstehung, o Gnade ohne Grenzen,o Feuer, das du entfacht hast im Dickicht der Gedanken!Der Geliebte wird als eine überwältigende, plötzliche Kraft angesprochen, die wie eine Auferstehung wirkt und die Verwirrung der Gedanken wie ein Feuer verzehrt.
  2. G1:2 امروز خَندان آمدی، مِفتاحِ زندان آمدیبر مُستمندان آمدی، چون بَخشش و فَضلِ خدا Heute kamst du lachend, kamst als Schlüssel für das Gefängnis,kamst zu den Bedürftigen wie die Gabe und die Huld Gottes.Deine Ankunft ist eine freudige Befreiung für die Armen und Gefangenen, ein direkter Ausdruck göttlicher Gnade.
  3. G1:3 خورشید را حاجِب تویی، اومید را واجِب توییمطلب تویی طالب تویی، هم مُنتها هم مُبتدا Der Sonne Kammerherr bist du, der Hoffnung Pflicht bist du,Begehren bist du, Sucher bist du, sowohl das Ende als auch der Beginn.Du bist die verborgene Kraft hinter allem Sichtbaren (Sonne) und die Gewissheit hinter aller Hoffnung; du bist sowohl das Ziel der Suche als auch der Sucher selbst, der Ursprung und das Ende von allem.
  4. G1:4 در سینه‌ها برخاسته، اندیشه را آراستههَم خویش حاجَت خواسته، هَم خویشتن کَرده رَوا In den Herzen bist du aufgestiegen, hast den Gedanken geschmückt,hast selbst das Verlangen erbeten, hast es selbst gewährt.Du bist die Quelle der Inspiration in uns, die unsere Gedanken formt. Du erschaffst sowohl das Bedürfnis in uns als auch dessen Erfüllung.
  5. G1:5 اِی روح‌بخشِ بی‌بَدَل، وِی لَذّتِ علم و عملباقی بهانه‌ست و دَغَل، کاین علّت آمد وان دَوا O unvergleichlicher Lebensspender, o Freude an Wissen und Tat!Der Rest ist Vorwand und Trug, dass dies die Ursache sei und jenes das Heilmittel.Du allein bist die wahre Quelle des Lebens und die Essenz von Erkenntnis und Handlung. Alle anderen Erklärungen und weltlichen Sorgen sind bloße Täuschungen.
  6. G1:6 ما زان دَغَل کَژبین شده، با بی‌گُنه در کین شدهگَه مَستِ حورَالعین شده، گَه مستِ نان و شوربا Durch diesen Trug sind wir schielend geworden, hegen Groll gegen die Unschuldigen,sind mal berauscht von Paradiesjungfrauen, mal berauscht von Brot und Suppe.Weltliche Täuschungen verzerren unsere Wahrnehmung und führen zu ungerechtem Hass. Unsere Begierden sind fehlgeleitet, ob sie nun auf himmlische Belohnungen oder irdische Genüsse zielen.
  7. G1:7 این سُکر بین هِل عَقل را، وین نُقل بین هِل نَقل راکَز بهرِ نان و بَقل را، چندین نشاید ماجرا Sieh diesen Rausch, lass den Verstand; sieh diesen Bissen, lass die Überlieferung!Denn für Brot und Gemüse sollte es nicht so viel Aufhebens geben.Gib dich der spirituellen Trunkenheit hin und gib den rationalen Verstand auf; nimm diese direkte Erfahrung an und lass die traditionelle Lehre beiseite. Materielle Sorgen sind solch einen Aufwand nicht wert.
  8. G1:8 تَدبیرِ صَد رَنگ اَفکنی، بَر روم و بَر زَنگ اَفکنیوَ اندر میان جَنگ اَفکنی، «فی اِصطِناعٍ لا یُری» Du schmiedest hundertfarbige Pläne, wirfst sie auf Rom und auf Afrika,und mittendrin entfachst du einen Kampf, „in unsichtbarer Schöpfung“.Du, der Geliebte, bist der unsichtbare Meister, der die Konflikte und Pläne der Welt zwischen den Völkern (symbolisiert durch Rom und die „Zang“, Schwarzafrikaner) inszeniert.
  9. G1:9 می‌مال پنهان گوشِ جان، می‌نِه بَهانه بَر کَسانجان «رَبِّ خَلِّصنی» زَنان، والله که لاغ است ای کیا Heimlich zerrst du am Ohr der Seele, schiebst die Schuld auf andere,die Seele ruft „Herr, erlöse mich!“, bei Gott, das ist eitel, o Großer!Du lenkst die Seele im Verborgenen, während sie fälschlicherweise andere für ihr Leid verantwortlich macht. Ihr Flehen um Erlösung ist vergeblich, denn Du selbst bist die Ursache ihres Zustands.
  10. G1:10 خامُش که بَس مُستَعجِلَم، رَفتم سویِ پایِ عَلَمکاغذ بِنِه بِشکن قَلَم، ساقی دَرآمد الصَلا Schweig, denn ich bin in großer Eile, ich ging zum Fuß der Standarte,leg das Papier weg, zerbrich die Feder, der Schenk trat ein mit dem Ruf: „Zur Andacht!“Die Zeit des Schreibens und Erklärens ist vorbei. Der göttliche Weinschenk ist erschienen und ruft zur unmittelbaren Vereinigung, daher muss der Dichter schweigen und ihm folgen.

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