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بخش ۱ - سرآغاز

Einleitung

  1. M1:1 بشنو این نی چون شکایت می‌کنداز جدایی‌ها حکایت می‌کند Höre auf dieses Rohr, wie es klagt;Von Trennungen es eine Geschichte sagt.Dieser Vers fordert den Leser auf, der Melodie des Rohres (Ney) zu lauschen, die zwar wie eine Klage über die Trennung klingt, aber in Wahrheit die Geschichte der ursprünglichen Entfremdung der Seele von ihrem göttlichen Ursprung erzählt.
  2. M1:2 کز نِیِستان تا مرا بُبریده‌انددر نفیرم مرد و زن نالیده‌اند Seit man mich vom Röhricht schnitt und nahm,klagten Mann und Frau in meinem Wehklang mit.Seit meine Seele von ihrer ursprünglichen Heimat getrennt wurde, hat jeder Mensch, ob Mann oder Frau, seinen eigenen Schrei des Schmerzes und der Trennung in meinem Wehklagen wiedergefunden und mit mir eingestimmt.
  3. M1:3 سینه خواهم شَرحه شَرحه از فراقتا بگویم شرح درد اشتیاق Ich suche eine Brust, von Trennung zerfetzt und zerrissen,damit ich vom Schmerz der Sehnsucht künden kann.Die Rohrflöte (Rumi) sucht einen Zuhörer, dessen Herz durch den Schmerz der Trennung verwundet ist, denn nur eine solche Seele kann die tiefe Sehnsucht, die sie zum Ausdruck bringt, wirklich verstehen.
  4. M1:4 هر کسی کو دور ماند از اصلِ خویشباز جوید روزگارِ وصل خویش Jeder, der fern von seinem Ursprung weilt,sucht wieder die Zeit, da er mit ihm vereint.Dieser Vers besagt, dass die Trennung des Menschen von seinem spirituellen Ursprung in ihm das angeborene Verlangen weckt, zu diesem Ursprung zurückzukehren und sich wieder mit ihm zu vereinen.
  5. M1:5 من به هر جمعیّتی نالان شدمجفت بدحالان و خوش‌حالان شدم In jeder Versammlung erhob ich mein Wehklagen,ward Gefährte der Glücklosen wie der Glückseligen.Die Rohrflöte erklärt, dass ihre Stimme in jeder Versammlung, sei sie traurig oder fröhlich, erklungen ist und jeden menschlichen Zustand begleitet hat.
  6. M1:6 هر کسی از ظّن خود شد یار مناز درون من نجُست اسرار من Ein jeder ward mein Freund aus eignem Dünken,doch suchte meine Geheimnisse nicht in meinem Innern.Die Rohrflöte beklagt, dass jeder sie nach seinem eigenen, oberflächlichen Verständnis und seinen Annahmen beurteilte, anstatt ihre wahre, innere Wirklichkeit und ihre Geheimnisse zu ergründen.
  7. M1:7 سرِّ من از نالهٔ من دور نیستلیک چشم و گوش را آن نور نیست Mein Geheimnis ist von meiner Klage nicht fern,doch dem Aug und Ohr fehlt jenes Lichtes Stern.Die Flöte erklärt, dass ihr tiefstes Geheimnis in ihrem klagenden Lied enthalten ist, die meisten Zuhörer jedoch nicht über das innere Licht verfügen, um diese Wahrheit wahrzunehmen, und nur die äußere Erscheinung hören.
  8. M1:8 تن ز جان و جان ز تن مستور نیستلیک کس را دیدِ جان دستور نیست Der Leib ist der Seele, die Seele dem Leib nicht verborgen,doch niemandem ist der Blick auf die Seele vergönnt.Körper und Seele sind untrennbar und nicht voreinander verborgen, aber dennoch ist es dem Menschen nicht gestattet, die Seele direkt zu sehen oder zu verstehen.
  9. M1:9 آتش است این بانگِ نای و نیست بادهر که این آتش ندارد نیست باد Feuer ist der Klang der Nay, und nicht nur Wind,wer dies Feuer nicht hat, sei dem Nichts anheimgefind’.Der Ruf der Rohrflöte ist kein leerer Hauch, sondern ein verzehrendes Feuer. Wem dieses innere, spirituelle Feuer fehlt, dessen Existenz ist unvollständig oder gar nichtig.
  10. M1:10 آتش عشق است کاندر نی فتادجوشش عشق است کاندر میْ فتاد Feuer der Liebe ist’s, das in die Flöte fiel,Gärung der Liebe ist’s, die in den Wein geriet.Dieser Vers besagt, dass der klagende Gesang der Rohrflöte und das berauschende Brodeln des Weins beides Manifestationen einer einzigen, kosmischen Wirklichkeit sind: der göttlichen Liebe, die alles Sein durchdringt.
  11. M1:11 نی حریف هر که از یاری بُریدپرده‌هااَش پرده‌های ما درید Die Flöte ist Gefährtin dem, der vom Freund getrennt,ihre Weisen haben unsre Schleier zersprengt.Die Rohrflöte ist der einzige Vertraute für jene, die von ihrem Geliebten getrennt sind, und ihre klagenden Melodien haben die Kraft, die Schleier der Unachtsamkeit und die inneren Blockaden im Herzen des Hörers zu zerreißen.
  12. M1:12 همچو نی زهری و تَریاقی که دیدهمچو نی دمساز و مشتاقی که دید Wer sah je Gift und Gegengift wie das Rohr?Wer sah je Vertrauten und Sehnenden wie das Rohr?Rumi staunt über die wundersame Dualität des Rohrs (der Flöte), das sowohl das Gift der Trennung als auch das Gegengift der Wiedervereinigung verkörpert. Er preist es auch als einen Vertrauten für sehnsüchtige Seelen, der ihnen erlaubt, ihren Schmerz auszudrücken und sich in seinem Klagelied wiederzufinden.
  13. M1:13 نی حدیثِ راهِ پُر خون می‌کندقصّه‌های عشقِ مجنون می‌کند Die Flöte kündet vom blutgetränkten Pfad,erzählt die Sagen von Madschnuns Liebesnot.Dieser Vers besagt, dass das Klagen der Rohrflöte vom beschwerlichen und leidvollen Weg der Liebe erzählt, wobei die legendären Geschichten von Madschnun als Urbild für diesen blutigen Pfad dienen.
  14. M1:14 محرم این هوش جُز بی‌هوش نیستمر زبان را مُشتری جز گوش نیست Vertrauter dieser Einsicht ist nur der Entrückte,die Zunge findet keinen Käufer außer dem Ohr.Die tiefen spirituellen Wahrheiten offenbaren sich nur reinen Herzen, die von den Fesseln des berechnenden Verstandes befreit sind, so wie die mystische Rede nur im empfänglichen Ohr eines verständigen Zuhörers Anklang findet.
  15. M1:15 در غمِ ما روزها بیگاه شدروزها با سوزها همراه شد In unsrem Gram ward jeder Tag zur Unzeit,Die Tage wurden Weggefährten brennender Pein.In der Tiefe dieses grundlegenden Kummers verliert die Zeit ihre Bedeutung, und jeder vergehende Tag wird nur noch von einem unaufhörlichen, brennenden Schmerz begleitet.
  16. M1:16 روزها گر رفت گو رو باک نیستتو بمان ای آنک چون تو پاک نیست Sind Tage vergangen, sag: „Geht nur, keine Furcht.“Du aber bleib, o du, dem nichts an Reinheit gleicht.Dieser Vers betont den Wert des gegenwärtigen Augenblicks und des inneren, beständigen Wesens gegenüber dem, was vergänglich ist. Rumi rät, den Verlust von Tagen oder Lebenszeit nicht zu beklagen, sondern sich an einen reinen, dauerhaften Kern zu halten, der den Fluss der Zeit übersteigt.
  17. M1:17 هر که جز ماهی ز آبش سیر شدهرکه بی روزیست روزش دیر شد Jeder außer dem Fisch wird seines Wassers satt,wer ohne Gabe ist, dem wird der Tag zu lang.Dieses Verspaar besagt, dass nur ein Fisch niemals des Wassers überdrüssig wird, denn Wasser ist sein Lebenselement; und wer seiner wahren Nahrung entbehrt, für den werden die Tage freudlos und mühselig.
  18. M1:18 در نیابد حالِ پُخته هیچ خامپس سخن کوتاه باید والسّلام Den Zustand des Gekochten erfasst kein Roher je,drum sei die Rede kurz, und damit Friede.Der Zustand mystischer Reife ist für jene, denen diese Erfahrung fehlt, unbegreiflich. Daher ist es sinnlos, solche Wahrheiten ausführlich zu erklären; sie müssen kurz gefasst werden.
  19. M1:19 بندْ بگسل باش آزاد ای پسرچند باشی بند سیم و بند زر Spreng die Fesseln, sei frei, o Sohn,Wie lang noch gefangen von Silber und Goldes Lohn?Dies ist ein Aufruf, sich von materiellen Anhaftungen und weltlichen Abhängigkeiten zu lösen, um wahre, innere Freiheit zu erlangen.
  20. M1:20 گر بریزی بحر را در کوزه‌ایچند گنجد‌ قسمتِ یک روزه‌ای Gössest du das Meer in einen Krug hinein,was passte wohl? Die Ration für einen Tag allein.Dieser Vers verdeutlicht die Begrenztheit der menschlichen Aufnahmefähigkeit: Selbst wenn ein unendlicher Ozean gewährt wird, kann man nur einen Teil aufnehmen, der dem eigenen Fassungsvermögen entspricht, und Gier führt niemals zur Sättigung.
  21. M1:21 کوزه‌ٔ چشم حریصان پُر نشدتا صدف قانع نشد پُر دُر نشد Der Krug des gierigen Auges füllte sich nie,ward die Muschel nicht genügsam, füllte Perlen sie nie.Das Auge des gierigen Menschen wird, egal wie viel es auch aufnimmt, niemals satt, so wie ein unfüllbarer Krug. Nur durch Genügsamkeit kann das Herz, gleich einer leeren Muschel, mit kostbaren Perlen gefüllt werden.
  22. M1:22 هر که را جامه ز عشقی چاک شداو ز حرص و عیبْ کُلّی پاک شد Wem aus Liebe das Gewand zerrissen ward,er ward von Gier und Makel gänzlich rein gemacht.Dieser Vers besagt, dass die Liebe eine läuternde Kraft ist, die den Menschen von allen Unreinheiten und moralischen Lastern wie Gier und Fehlbarkeit reinigt.
  23. M1:23 شاد باش ای عشق خوش سودای ماای طبیبِ جمله علّت‌های ما Sei froh, o Liebe, unsre süße Schwermut!O Arzt all unsrer Leiden insgesamt!Dieser Vers preist die Liebe als ein paradoxes Phänomen: Obwohl sie als eine Form des Wahnsinns oder der Melancholie erscheint, ist sie in Wahrheit die höchste Heilung für alle menschlichen Gebrechen.
  24. M1:24 ای دوای نَخوت و ناموس ماای تو افلاطون و جالینوس ما O Heilmittel für unsern Dünkel und unsern Ruf,o du, unser Platon und unser Galenus.Die Liebe ist der vollkommene Arzt und Weise unseres Seins, der uns von allem Hochmut, aller Ichbezogenheit und aller Anhaftung an den weltlichen Ruf heilt.
  25. M1:25 جسم خاک از عشق بر افلاک شدکوه در رقص آمد و چالاک شد Der Leib aus Staub stieg durch die Liebe zu den Himmeln auf,der Berg geriet in Tanz und wurde flink im Lauf.Dieser Vers zeigt, wie die Liebe irdische und materielle Elemente erhebt und sie zu spiritueller, himmlischer Bewegung und Lebendigkeit antreibt.
  26. M1:26 عشقْ جانِ طور آمد عاشقا!طور مست و "خَرَّ مُوسیٰ‏ صَعِقا" Die Liebe ward die Seele des Berges Sinai, o Liebender!Der Berg ward trunken, und „Moses stürzte ohnmächtig nieder“.Dieser Vers besagt, dass die Liebe die belebende Kraft hinter den göttlichen Offenbarungen im Kosmos ist – eine Macht, die so tiefgreifend ist, dass sie Berge taumeln und Propheten in Ekstase ohnmächtig werden lässt.
  27. M1:27 با لبِ دمسازِ خود گر جفتمیهمچو نی من گفتنی‌ها گفتمی Wär ich gepaart mit der Lippe meines Seelenfreunds,hätte ich, gleich der Flöte, alles Sagbare gesagt.Dieser Vers drückt Rumis tiefen Wunsch aus: Wenn er die vollkommene Vereinigung mit Gott (dem wahren Seelenfreund und Atemgeber) erreichen könnte, würde er, wie die Rohrflöte, alle unausgesprochenen Wahrheiten ungehindert und vollständig aussprechen.
  28. M1:28 هر که او از هم‌زبانی شد جدابی‌زبان شد گرچه دارد صد نوا Wer von dem Seelenverwandten getrennt,wird sprachlos, birgt er auch hundert Melodien.Dieser Vers besagt, dass ohne einen wahren, einfühlsamen Gefährten, der die eigene innere Sprache teilt, selbst die reichste Seele zum Schweigen verurteilt ist und nicht ausdrücken kann, was sie in sich trägt.
  29. M1:29 چون که گُل رفت و گلستان درگذشتنشنوی زان پس ز بلبل سَرگذشت Als die Rose fortging und der Rosengarten verging,hörst du danach von der Nachtigall keine Geschichte mehr.Wenn die Quelle der Inspiration und Schönheit (die Rose) verschwindet, erzählt der Erzähler (die Nachtigall) keine lebendige, gegenwärtige Geschichte mehr, sondern nur noch eine Schilderung der Vergangenheit.
  30. M1:30 جمله معشوق است و عاشق پَرده‌ایزنده معشوق است و عاشق مرده‌ای Alles ist der Geliebte, und der Liebende nur ein Schleier;Lebendig ist der Geliebte, und der Liebende ein Toter.Der Geliebte ist alles, und der Liebende ist lediglich ein Schleier, der Ihn verhüllt; der Geliebte ist das Leben selbst, während der Liebende in Seiner Gegenwart ohne eigenen Willen ist, gleich einem Toten.
  31. M1:31 چون نباشد عشق را پروای اواو چو مرغی ماند بی‌ پَرْ وایِ او Wenn die Liebe sich nicht um ihn sorgt,Bleibt er wie ein Vogel ohne Schwingen; weh ihm.Dieser Vers unterstreicht die absolute Abhängigkeit des Liebenden von der Aufmerksamkeit und Fürsorge des Geliebten; ohne diese ist der Liebende völlig hilflos und unvollständig.
  32. M1:32 من چگونه هوش دارم پیش و پسچون نباشد نورِ یارم پیش و پس Wie kann ich Bewusstsein haben von Vorher und Nachher,wenn das Licht meines Freundes kein Vorher und Nachher kennt?Der Mystiker, verbunden mit der ewigen und zeitlosen Wahrheit, erlangt ein Bewusstsein, das über Vergangenheit und Zukunft hinausgeht und nur in der ewigen Gegenwart lebt.
  33. M1:33 عشق خواهد کاین سخن بیرون بودآینه غمّاز نبود چون بود Die Liebe will, dass dieses Wort sich zeige,doch wie, wenn nicht der Spiegel Geheimnisse preisgäbe?Die Liebe drängt Rumi, das Geheimnis der Führung durch seinen abwesenden Geliebten zu offenbaren, doch eine solche Offenbarung erfordert ein Publikum, dessen Seele ein reiner, aufnahmefähiger Spiegel ist.
  34. M1:34 آینه‌ت دانی چرا غمّاز نیستزآن که زنگار از رخش مُمتاز نیست Weißt du, warum dein Spiegel nichts verrät?Weil der Rost von seinem Antlitz nicht zu unterscheiden ist.Dieser Vers erklärt, warum der Spiegel des menschlichen Herzens die Wahrheit nicht widerzuspiegeln vermag: weil die inneren Unreinheiten und Trübungen so sehr mit seinem Wesen verschmolzen sind, dass sie sich nicht mehr davon abheben.